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#11
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Wolinierlied
(Zeit und Autor unbekannt) Aus Wolinien sind vertrieben alle Deitschen arm und reich, keiner ging den Weg auf Rosen, alle waren sie jetzt gleich. Sonntag frieh, am fimften Juli, gerade zu der Erntezeit, mussten weg die Vielgeplagten, alle, arm' und reiche Leit'! Angespannt und schwer beladen stand der Wagen vor der Tir, manche Sachen, oh wie schade, blieben hier noch liegen mir. Vorwarts gings durch Sturm und Wetter, auf Befehl der Obrigkeit, keiner fand jetzt einen Retter, der ihn aus der Not befreit. So gings vorwarts durch die Walder, iber Hiegel, Berg und Tal, iber Felder und durch Stadte und durch Derfer ohne Zahl. Auf den Stremen statt mit Dampern fuhren wir in einem Kahn, und auf Wegen mancher Arten, dann zuletzt per Eisenbahn. Auf dem langen Triebsalswege kam der Tod, hielt gleichen Schritt, kleine Kinder, alte Leite, Jugendbliete nahm er mit. Es ist gar nicht zu beschreiben diese gro?e Triebsalszeit. Jeden drickten schwere Sorgen. Ach, wann endet doch das Leid? Endlich ist der Tag gekommen, da wir in Sibirien hier freindlich wurden aufgenommen, fanden Wohnung, Nachtquartier. Haben hier bei russ'schen Leiten Obdach fier die Winterzeit. So sorgt Gott in schweren Zeiten, ihm sei Dank in Ewigkeit! Was vergangen und geschehen, hat ein jeder schon gefiehlt, aber wies uns noch wird gehen, ist uns allen hier verhillt. Doch das eine ist uns sicher, dass es geht nach Gottes Rat. Er ist ja der rechte Richter, der noch nie gefehlet hat. Er wird ja die Seinen schitzen in der gro?en Triebsalszeit: sollten gleich die Berge stirzen und uns droh'n die Ewigkeit. Das hat Gott vor allen Zeiten jedem Glaib'gen kundgetan und er will auch uns bereiten ein gelobtes Kanaan. Drum getrost in trieben Stunden, gehts auch gleich durch schweres Leid, denn darinnen hat gefunden mancher seine Seligkeit. Gott fiehrt zwar auch seine Kinder oft in gro?es Herzeleid, damit doch ein jeder Sinder denke an die Ewigkeit. |